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Pop-Dialog vom 19.04.2010
Das iPhone ist die moderne Buschtrommel
Boris Fust
Ein Interview mit Boris Fust, dem ehemaligen Chefredakteur des Intro Festivalguides.

Pop100: Wie kam es damals zum Intro Festivalguide?

Boris Fust: Es gab das Phänomen, aber kein entsprechendes Medium. Diese Servicelücke musste geschlossen werden.

Pop100: Wie hat sich der Festivalguide in den letzten 14 Jahren entwickelt?

Fust: Analog zum Phänomen. Festivals waren damals eine eher spinnerte Sache für Verrückte. Dann kamen die Markenartikler, dann kam die Vereventisierung. Der Festivalguide hat die Entwicklung zum Boom begleitet ebenso wie den Generationswechsel des Publikums.

Pop100: Gibt es ein paar Festivals, die Dir besonders ans Herz gewachsen sind?

Fust: Ich hasse Festivals.

Pop100: Welches hasst Du davon am meisten?

Fust: Alle. Wahrscheinlich das Haldern, weil ich die leuchtenden Augen der Volontäre nicht mehr sehen kann, wenn davon berichtet wird. Ich selbst war noch nie dort.

Pop100: Wie wird sich die Festivallandschaft entwickeln?

Fust: Was man über die Zukunft sehr sicher weiß, ist, dass sie unbekannt ist. Dennoch: Die Festivals haben sich konsolidiert und sind zu ausgewachsenen Entertainment-Großveranstaltungen geworden. Das Biz befindet sich in einer anhaltenden Plateauphase ohne erwartbare Ausschläge nach oben oder unten - zumindest solange, bis das Live Entertainment ähnliche Probleme bekommt wie die Tonträgerindustrie, wenn es ihr nicht gelingt, sich im Freizeitmix weiterhin gut durchzusetzen.

Pop100: Was hat sich verändert im Laufe der Jahre in der Zusammenarbeit mit Plattenfirmen?

Fust: Das kann ich seriös nicht mehr einschätzen. Seit Jahren schon ist mein Kontakt zur Plattenbranche minimal. Es mag an meinem Ressort gelegen haben - oder daran, dass es Plattenfirmen im Wesentlichen nicht mehr gibt.

Pop100: Meinst Du das ernst?

Fust: Selbstverständlich. Ich wäre nicht in der Lage, auch nur fünf amtierende Produktmanager namentlich zu nennen.

Pop100: Weil es Dich nicht interessiert oder weil sie nichts haben, was Dich interessiert?

Fust: Weil die Ansprechpartner dort zu schnell verschwinden. Alle Leute in der Tonträgerindustrie, die ich einst kannte, arbeiten inzwischen woanders.

Pop100: Gibt es nicht trotzdem immer mehr Musik? Beispiel Fernsehen: Insbesondere auf den Dritten werden immer öfter Konzertmitschnitte gezeigt. Gleichzeitig verliert jedoch die Musikpresse an Bedeutung.

Fust: Ich schaue kein fern. Und die verwertungsrechtlichen Zusammenhänge, die entscheidend für TV sind, entziehen sich im Einzelfall meiner Kenntnis.

Pop100: Wir reden hier nicht von Rechten. Es geht darum, dass es den Musikmagazinen nicht gut geht. Gleichzeitig gibt es aber immer mehr

Fust: Die Berichterstattung über den Zustand der Musikmagazine reflektiert eine Stimmung, die wesentlich schlechter ist als die reale Situation.

Pop100: Das heißt konkret?

Fust: Das heißt konkret, dass Musikmagazine schon immer Nische waren, sich jetzt aber alle wundern, dass der Gesamtmarkt unbedeutender ist als die Anzeigenkleinformatstrecke der ADAC Motorwelt.

Pop100: Hand aufs Herz, lieber Boris. Die Musikmedienbranche steckt in einer tiefen Krise. Gleichzeitig ist das Interesse an Musik ungebrochen, insbesondere im Internet. Müssen sich die Magazine an niedrigere Auflagen, weniger Anzeigen und einen Verlust der Deutungshoheit von Musik gewöhnen?

Fust: Selbstverständlich gibt es enorme kulturelle Umbrüche, denen nicht einmal im Ansatz Rechnung getragen wird. Es ist nicht zu erwarten, dass das medial eingeübte Szenario Bestand haben wird, nach dem sich irgendwelche dahergelaufenen Bands zu Stars herausbilden, die Jahrzehnte überdauern. Dementsprechend büßen die Musikmedien ihre traditionelle Vermittlerrolle zwischen Fans und Starpersönlichkeit ein. Es ist sehr schwer, darauf blattmacherisch oder verlegerisch zu reagieren. Der kulturelle Turn ist ja im Begriff, die gesamte Kulturindustrie zu zerschmettern - und es gibt durchaus Kreise, die das sehr begrüßen, weil sie sich davon ein Ende der Verwertungslogik erhoffen. Und das ist mehr als ein Trend, eine Entwicklung, eine Phase. Es ist dramatischer. Vielleicht muss man gar annehmen, dass die westliche Musikzivilisation zu einem Ende gekommen ist; dass wir in Zukunft eher lokale Strukturen haben, dass Leute die Musik, die sie hören, selbst herstellen, für ein Publikum, das außer ihnen selbst etwa 15 weitere Personen umfasst: Die Allgemeinheit musiziert für den eigenen Freundeskreis. Das wäre das Ende von westlicher Hochkultur und globalem Pop.

Pop100: Handelt es sich bei solchen Ansichten um den verklärenden Wahn eines Facharbeiters, der inzwischen zu einer Werbeagentur gewechselt ist?

Fust: Möglicherweise. Vielleicht bewegt sich aber tatsächlich, Christian Kracht hat es ja in seinem letzten Roman bereits beschrieben, die westliche Zivilisation auf Afrika zu. Dort ist communitygebundenes Musizieren ja längst Realität. Das iPhone ist unsere Buschtrommel. Man kann Nachrichten übermitteln und Klänge damit erzeugen.

Pop 100: Wenn dem denn so sei wie müssten sich denn Festivals auf solcherlei vorbereiten?

Fust: Zumindest müssten sie mehr tun als E-Mails mit Terminlistings zu verschicken.

Pop100: Tun sich Festivals schwer mit PR oder weitergehenden werblichen Maßnahmen?

Fust: Wenn man Veranstalter, die nicht Marek Lieberberg oder Stefan Reichmann heißen, fragt, was denn nun das Besondere an ihrem Festival sei, antworten sie: Unsers findet im Sommer statt. Das ist als press angle etwas dünn. In der Livebranche redet man nicht gern.

Pop100: Was ist Deine abschließende Top5 der Lieblingsmusikmedien, egal ob Print, Online oder Radio?

Fust: Lieblingsmusikmedien? Platz 1: Deutschlandfunk, Platz 2: FAZ, Platz 3: Gott-o-Gott, jetzt muss wahrscheinlich irgend so ein Blog dahin. Ich benutze keine Musikmedien, ehrlich gestanden. Ich informiere mich tatsächlich aus diesen beiden Quellen.

Pop100: Du könntest doch jetzt mal sagen Süddeutsche oder meinetwegen ...

Fust: Ich wohne in Berlin, und den Spiegel lese ich nicht.

Pop100: Wie wäre es dann mit laut.de?

Fust: ...

Pop100: NME?

Fust: Dann doch lieber die ADAC Motorwelt.

Pop100: Tolle Online-Radios?

Fust: Ich habe noch nie ein Online-Radio gehört.

Pop100: Du bist der Richtige für den Goldenen Hirschen. Das passt. Deine Lieblings Top 5 schickst Du mir hinterher bitte noch mal per E-Mail.

Fust: Ich erkundige mich mal.
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